Mein Leben auf der grünen Insel
Im August 2014 zog Sebastian mit seinen sechs Kindern nach Lismore, eine Kleinstadt in County Waterford. Es wurde das reichste Jahr ihres Lebens. Und es endete mit einer einzigen E-Mail.

Wir standen auf einem Campingplatz in Wien, mitten in den Sommerferien, als die E-Mail kam. Mein Vermieter in Irland. Beiläufig, in drei Sätzen: Kommt nicht zurück. Wir ziehen selbst wieder ein. Sagt mir, wohin ich eure Sachen bringen lassen soll.
Unser ganzes Leben stand in diesem Haus. Die Schulsachen der Kinder, die Fotos, die Vorratskammer, die wir uns über Monate aufgebaut hatten. Und ich stand tausendfünfhundert Kilometer entfernt neben einem Wohnmobil und las diese drei Sätze immer wieder.
Aber ich erzähle die Geschichte von vorn.
Irland war nie der Plan
Denn das musst du wissen, bevor diese Geschichte richtig beginnt: Irland stand auf keiner Liste meines Lebens. Kein Jugendtraum von der grünen Insel, keine lang gehegte Sehnsucht. Irland kam zu uns, wie die wichtigsten Dinge manchmal kommen: am Ende einer langen Reihe von Verlusten.
2013 wurde ich in den USA geschieden. Über diese Scheidung wirst du hier nicht viel lesen, manche Kapitel gehören nicht ins Internet. Aber sie riss den Boden unter unserem Leben weg. Und noch während dieses Kapitel zu Ende ging, schloss sich das nächste: Mein Visum lief aus. Ich musste Amerika verlassen, das Land, das unser Zuhause war, das Land, in dem meine Kinder aufgewachsen waren. Das war kein Aufbruch. Das war ein Rauswurf. Eine Tür, die andere hinter uns zumachten.
Wir gingen nach Malta. Nicht, weil Malta ein Traum gewesen wäre, sondern weil wir irgendwo sein mussten. Malta war als Zwischenlösung gedacht, ein Wartezimmer: ankommen, Luft holen, die Rückkehr in die USA vorbereiten. So schnell wie möglich zurück über den Atlantik, das war der ganze Plan.
Aus dem schnellen Zurück wurde nichts. Nach ungefähr einem Jahr verließen wir Malta wieder. Den Sommer 2014 verbrachten wir noch einmal in den USA, einen ganzen, langen Sommer in dem Land, das sich immer noch wie Zuhause anfühlte und es nicht mehr sein durfte.
Und dann: Irland.
Auch Irland war, wenn ich ehrlich bin, zunächst als Zwischenstation gedacht: sammeln, ordnen, Kräfte sparen für die Rückkehr nach Amerika. Davon erzähle ich später noch.
So kam ich im August 2014 auf die grüne Insel: geschieden, ohne Zuhause, müde vom Kofferpacken, sechs Kinder im Gepäck und kein Plan, der diesen Namen verdient hätte. Vielleicht verstehst du jetzt, warum dieses eine Jahr in Lismore für mich mehr war als ein hübsches Kapitel. Wer gerade alles verloren hat, erkennt ein neues Leben sofort, wenn es vor ihm liegt.
Lismore
Lismore liegt im Westen von County Waterford, dort, wo die Straße den Blackwater überquert und dahinter die Knockmealdown Mountains anfangen. Nach Cork fährst du gut eine Stunde. Nach Dublin fährst du am besten gar nicht, denn du hast dort nichts verloren. Der Ort selbst: eine Hauptstraße, eine Kathedrale, ein Fluss. Gut tausend Einwohner. Und im Zentrum eine Plakette, auf die man dort bis heute stolz ist: Tidy Towns Award 2004. Schönste Stadt Irlands. Die Präsidentin persönlich kam damals, um die Tafel zu enthüllen.
Über allem thront ein Schloss wie aus dem Bilderbuch, bis heute bewohnt. Und zwar nicht von irgendwem. Lismore Castle ist seit 1753 die irische Residenz der Cavendishs, der Herzöge von Devonshire, einer der mächtigsten Adelsfamilien Englands. Ihr Stammsitz ist Chatsworth House in Derbyshire, und in Lismore residiert heute der Familienzweig unter dem Namen Burlington. Als Irland unabhängig wurde, verschwand der englische Landadel fast überall von der Insel. Nicht hier. Die Familie sicherte sich die Lachsrechte am Blackwater, der mitten durch ihr Anwesen fließt, und sie behielt gut dreitausend Hektar, Wald, Weiden, ein Stück Gebirge. Das Lachsfischen am Blackwater zählt zum Besten, was es auf der Welt gibt. Hundert Jahre irische Republik, und wer dort angeln will, holt sich seine Lizenz immer noch beim Herzog. So viel Macht haben diese Familien in Irland bis heute.
Eine Kleinstadt mit Schloss, Fluss und einer einzigen Hauptstraße. Wer aus London kommt, aus Frankfurt, aus Zürich, der begreift nach zwei Tagen in Lismore: Er ist nicht in einem anderen Land gelandet. Er ist in einer anderen Zeit gelandet.
Genau das wollte ich.
Sieben Schlafzimmer für 750 Euro
Wir zogen nicht in irgendein Reihenhaus. Wir mieteten ein georgianisches Landhaus aus dem 18. Jahrhundert, gut anderthalb Hektar Land, direkt vor den Toren von Lismore. Sieben Schlafzimmer, eingerichtet im Stil der Epoche, und alles in dringendem Sanierungsbedarf. Darum war die Miete geschenkt: 750 Euro im Monat.
Was auf keinem Zettel stand: Das Haus warm zu halten kostete noch einmal tausend Euro obendrauf. Jeden Monat.
Der Eigentümer hatte vor Jahren mit der Renovierung begonnen, erzählten uns später die Nachbarn, dann war ihm das Geld ausgegangen. Man sah es überall. Der einst rosa Anstrich war zu einem müden Grau verblasst. Die Hälfte der Heizkörper blieb kalt. Wohnzimmer und Salon heizten wir mit offenem Feuer. Die Tapeten lösten sich, wo die Feuchtigkeit in den Wänden saß. Der alte Flügel im Salon spielte nicht mehr. Eine Dusche gab es nicht, dafür eine viktorianische Badewanne, in der ein Erwachsener schwimmen konnte.
Und trotzdem: Es war das erste Haus, das wir uns nach der Ankunft in Irland ansahen, und nachdem wir wochenlang mit dem Mietwagen durchs halbe Land gefahren waren und ein Dutzend andere besichtigt hatten, waren die Kinder und ich uns einig. Es wird Lismore. Es wird dieses Haus.
Natürlich hatte ich Angst, dass mir die Kinder die Antiquitäten zerlegen. Ich bin das Risiko eingegangen. Wenn das Leben dir so eine Tür aufmacht, dann geh durch. Wann wohnst du je wieder in so einem Haus?
Nur eines würde ich heute anders machen: Ich würde vor dem Einzug nicht auf die Miete schauen, sondern auf die Substanz. Fenster, Dach, Feuchtigkeit, Energieausweis. Die Miete steht im Vertrag. Die Heizkosten stehen nirgendwo, und im irischen Altbestand sind sie das eigentliche Thema. Bei uns kostete der Winter mehr als das Wohnen.
Keine Kaution, kein Vertrag, kein Problem. Dachte ich.
Die Eigentümer lebten im Ausland und wollten das Haus um jeden Preis vermietet sehen. Ich zahlte keine Kaution. Ich unterschrieb keinen Mietvertrag. So läuft das in Irland bis heute oft, gerade auf dem Land, gerade bei Häusern in Privathand.
Damals kam mir das großartig vor. Kein Papierkram, keine Bonitätsakte, kein Makler. Schlüssel, Handschlag, einziehen.
Ich ahnte nicht, dass genau diese Leichtigkeit uns ein Jahr später das Zuhause kosten würde.
Ein Leben ohne Auto, ohne Supermarkt, ohne Lärm
Ich wollte entschleunigen. Weniger Termine, weniger Lärm, weniger von allem. Und genau das habe ich bekommen.
Wir hatten kein Auto. Im ländlichen Irland grenzt das an Wahnsinn: kein Bahnhof im Ort, ein Bus nach Dungarvan, einmal am Tag, das war der gesamte Nahverkehr. Der nächste richtige Supermarkt: Dungarvan, eine halbe Stunde Fahrt. In Lismore selbst gab es einen kleinen Centra für das Nötigste, eine Handvoll uriger irischer Pubs, einen Gastropub, der ausgerechnet einem texanischen Paar gehörte, einen Friseur, einen Metzger mit legendärem Ruf. Und den Chipper, natürlich, den Fisch-und-Chips-Laden.
Das war alles. Keine Kette, kein Fast Food, kein Kino, kein Fitnessstudio.
Also richteten wir unser Leben daran aus. Wir aßen nicht mehr auswärts, mit einer heiligen Ausnahme: Sonntagsbraten im Gastropub. Ich kochte jeden Abend selbst. Wir schrieben Essenspläne für einen ganzen Monat, holten einmal im Monat einen Mietwagen und kauften in Dungarvan ein, als rüsteten wir eine Expedition aus. Die Vorratskammer wuchs. Alles Frische gab es im Ort.
Klingt nach Verzicht? Es war das Gegenteil. Es war das erste Mal seit Jahren, dass unser Alltag uns gehörte.
Nur eines sage ich heute jedem, der aufs irische Land will: Das Auto ist dort kein Komfort, es ist Infrastruktur. Der Bus fährt vielleicht. Aber er fährt nicht dann, wenn dein Kind zum Arzt muss.
Die Kinder blühten auf
Was mich in dieser Zeit am meisten trug: wie gut es den Kindern ging. Sie gingen alle in Lismore zur Schule, mitten im Ort, zu Fuß erreichbar, und sie gingen gern.
Ich hatte die Lehrer eingeweiht, in was für einer Lage wir steckten. Und diese Lehrer haben sich um meine Kinder gekümmert, als wären es ihre eigenen. Ohne Formular, ohne Vorgang, ohne großes Aufheben. Es wurde einfach geholfen. Diese Erfahrung habe ich in Irland immer wieder gemacht, aber nie so deutlich wie an diesen Schulen.
Die Kinder fanden Freunde, und die Kleinstadt half kräftig mit. Wenn alle Kinder eines Jahrgangs in derselben Schule sitzen und im selben Ort wohnen, entsteht das soziale Leben von allein: Verabredungen, Feste, Fahrräder vor der Tür. Gleichzeitig verlangten die Schulen etwas, akademisch wurde dort nicht gekuschelt, und gerade das tat unseren Kindern gut, nach Jahren ziemlich unkonventioneller Beschulung.
Für Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das der Punkt, an dem Irland fast alle anderen Ziele schlägt: Deine Kinder gehen in eine normale staatliche Schule, auf Englisch, ohne Schulgeld, im Ort. Nach einem Jahr sprechen sie Englisch wie ihre Banknachbarn. Und wer seine Kinder lieber selbst unterrichtet: Auch das ist in Irland ein anerkannter Weg und kein Kleinkrieg mit einer Behörde.
Carmel und der Pfarrer auf dem Fahrrad
Und dann war da Carmel, unsere Haushälterin. Carmel kam aus dem Ort, hatte selbst eine Familie großgezogen und wollte sich etwas dazuverdienen. Ein irisches Original: laut, komisch, unverwüstlich gut gelaunt. Sie arbeitete Vollzeit bei uns und nahm meine Kinder unter ihre Fittiche, als wären es ihre eigenen. Geputzt hat sie, sagen wir, mit Herz statt mit System. Es war mir vollkommen egal. Ein großes Herz war in diesem Jahr wichtiger als staubfreie Regale.
Und Carmel war keine Ausnahme. Die ganze Stadt nahm uns auf, mit einer Wärme, die ich bis heute nicht vergessen habe. Niemand verkörperte sie so wie der Pfarrer, Fr. Cullinan. Er kam mit dem Fahrrad zum Haus, unangemeldet, versteht sich. Lehnte das Rad an die Wand, klopfte, und dann saßen wir ein, zwei Stunden beim Tee. Ein leiser, gütiger Mann, der sich um seine Leute sorgte, und wir gehörten für ihn ganz selbstverständlich dazu.
Ich ging oft unter der Woche zur Messe und lief danach stundenlang durchs Land. Rund um Lismore gibt es Wege ohne Ende. Stand ein Mietwagen vor der Tür, fuhr ich weiter raus: zu den Klippen von Ardmore, hinauf nach Mount Melleray, zur Zisterzienserabtei in den Bergen.
Die Kehrseite gehört zur Wahrheit: In einem Ort mit tausend Einwohnern weiß jeder alles. Wer Anonymität sucht, ist in einer irischen Kleinstadt verloren. Wer Nachbarn sucht, hat sie gefunden.
Die Kanzlei lief weiter. Besser als je zuvor.
Meine Kanzlei lief in dieser ganzen Zeit ohne Unterbrechung. Aber ich traf zwei Entscheidungen, die meinen Kalender leergefegt haben.
Erstens: Schluss mit dem kostenlosen Erstgespräch. In unserer Branche redet jeder umsonst mit jedem, stundenlang, und nennt das Vertrieb. Ich stellte auf bezahlte Beratung zu einem hohen Stundensatz um. Die meisten Interessenten winkten ab. Aber die, die zahlten, waren die Ernsthaften. Das alte 80/20-Spiel: Die zwanzig Prozent finden, die tragen. Und der Umsatz? Fiel nicht. Er blieb stabil und stieg langfristig, weil bessere Mandanten längere Wege mit dir gehen.
Zweitens: Ich holte mir eine erfahrene Assistentin und übergab ihr mein Postfach. E-Mail ist ein Vampir. Sie frisst Zeit und Energie und gibt nichts zurück. Diese eine Übergabe hat mich befreit wie wenig anderes.
Und plötzlich war Zeit da. Zeit, Inhalte für meine Website zu schreiben, was neues Geschäft brachte. Und Zeit für etwas, das im Kalender eines Unternehmers sonst nie vorkommt: stundenlang laufen und nichts tun außer denken. Zeit mit Denken zu „verschwenden" ist ein Privileg, das habe ich in Irland gelernt. Und kein Land lädt so dazu ein wie dieses: die Landschaft dort denkt mit.
Nebenbei zeigte sich: Irland taugt als Standort für eine internationale Praxis besser, als die meisten glauben. Englisch als Arbeitssprache. Eine Zeitzone, die morgens Europa und nachmittags die amerikanische Ostküste erwischt. Flughäfen in Cork und Dublin. Und ein Land, in dem niemand die Stirn runzelt, wenn deine Mandanten in fünf Ländern sitzen.
Zeit, die Trümmer zu sortieren
Heute weiß ich, wie sehr ich dieses Anhalten gebraucht habe. Denn zu verarbeiten gab es genug.
Die Scheidung lag ein Jahr zurück. Da stand ich nun, allein mit sechs Kindern. Eine zerbrochene Familie hört nicht auf wehzutun, nur weil das Verfahren abgeschlossen ist. Mit meiner Ex sprach ich nicht. Echten, regelmäßigen Kontakt zwischen ihr und den Kindern herzustellen, und sei es nur per Telefon, erwies sich als unmöglich. Es waren verwirrende Zeiten für alle, und ich lag nachts wach mit der Frage, was ich für die Kinder noch tun kann.
Und ich machte mir nichts vor: Ein Alleinerziehender ist kein Elternpaar. Ein Vater ersetzt keine Mutter, so wenig wie umgekehrt. Wer ehrlich hinsah, wusste: Ohne Schaden kommt hier keiner raus. Ich konnte nur begrenzen. Diese Erkenntnis hat mir das Herz gebrochen.
Am schwersten wog mein ältester Sohn, der siebte. Er war in Amerika geblieben, und er saß dort fest, ohne Perspektive. Keine Ausbildung, kein Studium, keine reguläre Arbeit, nur Gelegenheitsjobs gegen Bargeld. Ein Junge mit einem brillanten, akademischen Kopf. Es zerriss mich, dieser Verschwendung aus der Ferne zuzusehen.
Achtzehn Monate lang: nichts. Keine Antwort, kein Anruf, kein Zeichen. Er war voller Wut, und er tat einiges, um Abstand zwischen uns zu legen.
Ich schrieb trotzdem.
Eine deutsche Ordensschwester, die ich seit meiner Kindheit kenne, gab mir damals einen Rat, an den ich mich geklammert habe: Mach ihm immer wieder klar, dass ein fröhliches Zuhause auf ihn wartet, wann immer seine Zeit gekommen ist. Also schrieb ich ihm genau das, in jede E-Mail, die ohne Antwort blieb. Und er konnte sehen, wie unser Leben aussah, denn die anderen Kinder und ich stellten regelmäßig Bilder aus Irland auf Facebook. Ich lebte von der Hoffnung, dass ich meinen Sohn eines Tages wiederbekomme. Und wenn es zehn Jahre dauert.
Dazu der Verlust der Ranch in Texas, des einen Ortes, der sich je wie unser wahres Zuhause angefühlt hatte. Die Tränen meiner Töchter, als wir sie in jenem Sommer für immer verließen, hatte ich jeden einzelnen Tag vor Augen.
Die Entscheidung, nach vorn zu schauen
Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem Trauer in Selbstmitleid kippt. Wer nur noch seine Verluste zählt, übersieht, was vor ihm auf dem Tisch steht. Nach ein paar Monaten in Lismore traf ich eine bewusste Entscheidung: Schluss damit. Ab jetzt zählen wir, was da ist.
Und da war viel. Kinder, die morgens gern zur Schule gingen. Freundschaften, die wuchsen. Carmel in der Küche, das Feuer im Kamin, der Pfarrer auf dem Fahrrad, die Wege am Fluss. Ein Leben, das uns langsam wieder gehörte.
Die E-Mail, auf die ich achtzehn Monate gewartet hatte
Und dann, an einem ganz gewöhnlichen Tag, lag sie im Postfach: eine E-Mail von meinem ältesten Sohn.
Er schrieb, er habe genug. Genug von seinem Leben in Amerika ohne Aussicht auf irgendetwas. Er wolle zurück nach Europa, eine Ausbildung machen, etwas aufbauen. Ob wir reden könnten.
Ich saß da und las die Zeilen dreimal, viermal, und in mir überschlugen sich Freude und Unglaube. Was war passiert? Warum jetzt, nach achtzehn Monaten Funkstille?
Die Antwort kam später, in unseren Gesprächen, und sie war entwaffnend einfach: nichts. Kein Auslöser, keine Erleuchtung. Er hatte Zeit gebraucht. Zeit, um mit der Trennung seiner Eltern fertigzuwerden, und Zeit, um herauszufinden, was er selbst vom Leben will. Die Ordensschwester hatte recht behalten, in jedem Wort.
Ein paar Wochen später flog ich in die Staaten und fuhr zu der Farm bei Washington, auf der er arbeitete. Als wir uns auf diesem Hof umarmten, war das einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Wir verbrachten eine wunderbare Woche zusammen, in Virginia und in Texas, und vereinbarten: Im Sommer kommt er nach Europa. Ich flog mit einem randvollen Herzen zurück nach Irland.
Texas blieb der Plan
Denn eines stand für mich nie infrage: Irland war die Basis. Sammeln, nachladen, Kräfte ordnen. Das Ziel hieß Texas, eine neue Ranch, die Rückkehr.
Also nutzte ich den gewonnenen Denkraum und plante. Ich sah mir Ranch-Objekte an, rechnete Finanzierungen durch, wälzte die Visafrage. Ich erzählte den Kindern offen davon, denn ich hatte ihnen versprochen, dass wir eines Tages zurückgehen, und ich wollte, dass sie wissen: Papa hat das nicht vergessen. Im Rückblick hat es sie mehr verunsichert als beruhigt. Kinder brauchen den nächsten Schultag, nicht die Ranch in fünf Jahren. Das weiß ich heute.
Aber für mich selbst war diese Vision ein Anker. Ich stürzte mich hinein mit allem, was ich hatte. Country Music lief von morgens bis abends, auf den langen Spaziergängen über Kopfhörer. Und wenn „The Way She Loves Me" von Cody Johnson lief, träumte ich von der einen Frau, mit der ich noch einmal ganz neu anfangen würde. Ein Cowgirl, eine Southern Belle, irgendwo da draußen. Irgendwann. Irgendwie.
Ich hörte amerikanische Hörbücher, Zig Ziglar rauf und runter. Ich las über Landwirtschaft und Ranching. Ich sah mir irisches Weideland an und stand auf Viehauktionen zwischen Bauern, die seit fünf Generationen dort standen.
Herausgekommen ist aus alldem, ehrlich gesagt, wenig Konkretes. Und trotzdem gehören diese Tage zu den reichsten meines Lebens. Da lag ich auf dem Diwan im Salon meines Landhauses, Carmel legte Holz nach, im Hintergrund lief Country, und ich schmiedete Pläne für eine große Zukunft. Was für ein Leben, dachte ich. Und davon bitte noch ein paar Jahre.
Es kam anders.
Rausgeworfen wie Hunde
Zurück in Irland begannen die Sommerferien 2015, und ich wollte, dass meine Kinder von Europa sehen, was man gesehen haben muss, solange wir noch hier waren. Wir liebten Roadtrips, also mieteten wir ein Wohnmobil: fünf Wochen, einmal quer durch den Kontinent. Berlin, dann Österreich, Italien, Frankreich, Spanien. Wien, Ravenna, Venedig, Rom, Marseille, Nizza, Barcelona. Ob die Kinder die Kulturschätze zu würdigen wussten, sei dahingestellt. Ich habe es genossen, ihnen dieses alte Europa aufzuschließen, jeden einzelnen Tag.
Und dann, in Wien, die E-Mail. Der Vermieter war, wie abgesprochen, mit seiner Familie über den Sommer im Haus. Und nun schrieb er mir, nebenbei, als ginge es um eine Terminverschiebung: Wir sollten nicht zurückkommen. Er sei unzufrieden damit, wie wir das Haus behandelt hätten, und außerdem zögen sie ohnehin selbst wieder ein. Wohin er unsere Sachen liefern lassen dürfe.
Ich fühlte mich, als hätte mir jemand in den Magen geschlagen. Nach dem verfrühten Abschied aus Malta, nach dem Verlust der Ranch, kaum in Irland angekommen und gerade zur Ruhe gekommen, setzte man uns vor die Tür wie Hunde, die man im Urlaub an der Raststätte aussetzt. Unsere Kleider, die Spielsachen der Kinder, unser ganzes Leben, abgewickelt in drei Sätzen, während wir auf einem Campingplatz standen.
Ja, ich hatte meinen Anteil daran. Es gab keinen Vertrag, und ich war im Umgang mit Vermietern zu gutgläubig. Der Vorwurf mit dem schlechten Umgang war eine Ausrede, das wusste er, das wusste ich: Das Haus war von jahrelanger Vernachlässigung so heruntergewirtschaftet, dass wir gar nichts hätten verschlimmern können.
Und dann fand ich in ganz Lismore kein zweites Haus
Mein erster Gedanke war trotzig: Gut, dann mieten wir eben ein anderes Haus in Lismore. Ich durchforstete noch vom Campingplatz aus die irischen Immobilienportale. Ein vergleichbares Haus würde es nicht geben, geschenkt. Irgendein Haus. Vier Wände, ein Dach, Schulweg zu Fuß.
Es gab keines. Nicht eines.
Und das ist die Lektion, die über meine Geschichte hinausreicht: Lismore ist kein Einzelfall, Lismore ist Irland. Mieten ist im ländlichen Irland die absolute Ausnahme. Es gibt dort keine professionellen Vermieter, der Bestand sind einzelne Häuser in Privathand, und was frei wird, geht unter der Hand weg, oft ohne eine einzige Anzeige. Ein Ort mit tausend Einwohnern hat keinen Mietmarkt. Er hat Zufälle.
Und an diesem Zufall hängt dann alles. Die Schule deiner Kinder. Dein Arzt. Deine Nachbarn. Dein ganzer, mühsam aufgebauter Alltag. Bei uns hing er an der Laune eines Mannes, der im Ausland lebte und uns per E-Mail entsorgte.
In den Tagen danach fraß sich das Gefühl von Verrat so tief, dass ich nicht mehr wusste, ob ich überhaupt zurückwollte. Irland war schön gewesen, aber es war immer als Zwischenstation gedacht. Warum also nicht gleich Nägel mit Köpfen machen und die Rückkehr in die USA anschieben? Wir waren nicht so weit, wie ich sein wollte, eine Ranch lag noch nicht drin. Aber vielleicht war das alles ein Wink von oben: Hör auf, auf Spaziergängen von Amerika zu träumen. Tu es.
Ich rechnete mit einem Jahr für Visum und Vorbereitung. Blieb die Frage, wo wir dieses Jahr verbringen. Ich rief meinen Bruder an und fragte ihn um Rat. Seine Antwort: Geh doch für ein Jahr nach Malta. Warum eigentlich nicht, dachte ich.
Zwei Kinder blieben
Und dann geschah etwas, das mehr über Irland sagt als jede Statistik in diesem Text: Zwei meiner Kinder wollten nicht mit.
Meine älteste Tochter weigerte sich, Lismore zu verlassen. Nicht die Schule, nicht die Freundinnen, nicht den Ort. Also blieb sie, bei einer Gastfamilie mitten in der Stadt. Lies diesen Satz ruhig zweimal: Eine Kleinstadt, in der wir ein Jahr zuvor als Fremde angekommen waren, nahm meine Tochter bei sich auf wie ein eigenes Kind. Das ist Lismore.
Meinen zweiten Sohn zog es in die andere Richtung, in die Hauptstadt: Er wollte auf ein Internat in Dublin. Irland hat eine lange Internatstradition, ehrwürdige Häuser mit Uniform, Rugby und strengen Hausordnungen, und diese Schulen gehören zum Besten, was das Land zu bieten hat. Er ging, und er ist dort aufgeblüht.
So wurde aus unserem Abschied von Irland über Nacht ein halber Abschied.
Blackrock und Rathmines
Denn jetzt hatte ich zwei Kinder auf der Insel, und ich brauchte eine Basis. Wenn ich ehrlich bin: Ich wollte auch eine.
Ich mietete ein Büro in Blackrock, südlich von Dublin, direkt an der Küste. Blackrock ist eigentlich ein Dorf, das die Stadt irgendwann geschluckt hat: eine Markthalle, eine Hauptstraße, die DART rattert am Meer entlang in die Stadt, und in der Mittagspause gehst du am Wasser spazieren, mit Blick über die ganze Dublin Bay. Dort stand mein Schreibtisch, wann immer ich im Land war.
Gewohnt habe ich in Rathmines, Dublin 6. Ein Studio reichte mir völlig. Rathmines, das sind rote Backsteinzeilen und die grüne Kuppel der Kirche über den Dächern, Cafés, Buchläden, viel junges Publikum, und ins Zentrum läufst du in einer halben Stunde am Kanal entlang. Wer Dublin von seiner besten Seite sehen will, fängt genau dort an.
Jahrelang bin ich so gependelt, immer wieder zurück auf die Insel, zu den Kindern, an den Schreibtisch in Blackrock, ins Studio in Rathmines. Erst um die Pandemie herum habe ich beides aufgelöst, das Büro und die Wohnung.
Und jetzt das Geständnis: So gern ich in Blackrock und Rathmines war, das Glück von Lismore habe ich dort nie wiedergefunden. Dublin ist eine Hauptstadt wie andere Hauptstädte auch, teuer, laut, austauschbar an manchen Tagen. Das Irland, das uns damals aufgefangen hat, findest du in den Kleinstädten. Darum bringe ich Mandanten für meine Seminare heute in die Gegend um Cork. Nie nach Dublin.
Was ich in Irland gelernt habe
Heute schicke ich Mandanten nach Irland, in genau diese Ecke des Landes. Aus Lismore nehme ich fünf Dinge mit, und das erste ist das wichtigste.
Kaufe. Miete nicht. Für Ohren aus dem deutschsprachigen Raum klingt das verkehrt, denn dort ist Mieten der Normalfall und Kaufen das Abenteuer. In Irland ist es exakt umgekehrt: Mieten ist der schwierige, fragile, nervenaufreibende Teil, im ganzen Land und nicht nur in Dublin. Kaufen dagegen ist außerhalb Dublins erschwinglich und erstaunlich unkompliziert. Wer mit Kindern kommt und Schule, Ort und Nachbarn will, kauft. Alles andere heißt: Dein Leben hängt an der E-Mail eines Fremden.
Wenn du doch mietest, dann schriftlich. Ohne Vertrag bist du niemand. Der bequeme Einzug ohne Kaution und Papierkram ist derselbe Mechanismus, der dich im Juli aus dem Haus wirft.
Rechne die Heizung, nicht die Miete. Der irische Altbestand ist zum Verlieben und oft miserabel gedämmt. Energieausweis, Fenster, Dach, Feuchtigkeit: erst prüfen, dann verlieben.
Nimm ein Auto. Auf dem Land ist das keine Komfortfrage.
Wähle zuerst die Grafschaft, dann den Ort, dann die Schule. Der Südosten zwischen Wexford, Waterford und Cork ist trockener und sonniger als der Westen, gut angebunden und voller Kleinstädte, in denen eine Familie in Wochen ankommt, nicht in Jahren. Das ist keine Theorie. Das ist der Pfarrer mit dem Fahrrad in unserer Auffahrt.
Was von Lismore geblieben ist
Nach Texas sind wir nicht zurückgekehrt, jedenfalls nicht in jenem Jahr und nicht auf diesem Weg. Aus dem einen Jahr Malta wurde etwas anderes. Und aus dem Jungen, der achtzehn Monate geschwiegen hatte, wurde ein Mann mit Ausbildung und Beruf in Europa.
Irland ist nicht perfekt. Das Wetter ist, was es ist, Dublin ist absurd teuer, der Mietmarkt ist ein Trauerspiel. Aber die Summe der Dinge ist verblüffend attraktiv: ein erreichbarer EU-Pass. Ein neutrales Land außerhalb der NATO. Staatliche Schulen auf Englisch, ohne Schulgeld, in denen deine Kinder aufblühen. Ein mildes Klima. Steuerregeln, die Zugezogenen mit ausländischem Einkommen freundlich gesinnt sind. Und Kleinstädte, in denen eine Familie ein Gewinn ist und kein Verwaltungsvorgang.
Würde ich es noch einmal tun, ich würde dieselbe Ecke wählen, vielleicht sogar dieselbe Straße. Ich würde nur eines anders machen: kaufen.